Geringe Wahlbeteiligung

Am 26.06.2012 fanden erneut die studentischen Hochschulwahlen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg statt. 30.000 Studenten waren dazu aufgerufen, ihre  Vertreter für die jeweiligen Fakultätsräte, Fachschaftsvertretungen und den universitätsweiten Konvent zu wählen. Einen Tag danach sind alle Stimmen ausgezählt worden. Die niedrige Wahlbeteiligung von 10,3% veranlasste die FSIen-Liste, eine Pressemitteilung zu veröffentlichen:

PM_2012-06-28_Erlanger Studenten zeigen wenig Interesse

Zeitungsartikel der Erlanger und Nürnberger Nachrichten vom 03.07.2012

7 Antworten auf „Geringe Wahlbeteiligung“

  1. Ein paar lose Anmerkungen:
    1. Über den Rückgang der Wahlbeteiligung sind wir sehr erstaunt. Es gab in diesem Jahr einige kleinere Änderungen gegenüber den Vorjahren, aber die waren alle eher geeignet, die Wahlbeteiligung sogar zu steigern. Schon die Anzahl der Briefwahlanträge war ungewöhnlich gering, was uns bereits sehr verwundert hat. Aus organisatorischer Sicht kann ich den Trend nicht erklären.
    Der hohe Wert von 2009 war übrigens ein einmaliger Ausreißer. Langfristig ist die Wahlbeteiligung seit über zehn Jahren recht konstant und pendelt so zwischen 10 und 13 Prozent. Eine detaillierte Statistik steht auf unserer Webseite.
    2. Die Wahl wird nicht zur Farce, wenn die Wahlbeteiligung niedrig ist. Natürlich ist es für die Aktiven subjektiv niederschmetternd, wenn die eigene Arbeit nicht gewürdigt wird. Aber das Wahlrecht ist ein Recht der Wählenden, nicht die Belohnung für die Gewählten. Mit anderen Worten: Man darf sich von den Nichtwählern nicht entmutigen lassen!
    3. Es wird zwar immer wieder behauptet, dass die Durchschlagskraft der Studierendenvertreter/innen stärker wäre, wenn sie eine höhere Wahlbeteiligung hinter sich hätten. Ich halte das für einen urbanen Mythos. Wenn diese Annahme stimmen würde, dann müssten die Fachschaftler in der PhilFak ja feststellen, dass wie weniger ernst genommen werden als die Kollegen in der TechFak. Ist das wirklich so? Wahl ist Wahl, und das Stimmrecht der Gewählten ist nicht von der Wahlbeteiligung abhängig. Das war bis 1998 übrigens tatsächlich anders, hatte aber auch nur mathematische Auswirkungen und selten politische.
    4. Der nächste urbane Mythos ist die Verfasste Studierendenschaft. Ich kenne keine aktuellen Untersuchungen, aber in der Vergangenheit waren die Wahlbeteiligungen in Ländern mit VS tendenziell sogar geringer als in Bayern und BaWü. (Aus Sicht des Wahlamts kann ich die Einführung der VS, die ich ansonsten für Humbug halte, übrigens nur begrüßen: Dann müsste die Studierendenschaft ihre Wahlen nämlich selbst organisieren!)
    5. Was die Werbemaßnahmen betrifft, erlaube ich mir, das an die Unileitung gerichtete Lob abzufangen und an diejenigen weiterzuleiten, die es verdient haben: An erster Stelle meine Mitarbeiterin Frau Vaask im Wahlamt, die viel Engagement und Kreativität in die Aktion gesteckt hat; die Kolleg/innen von der Abteilung Marketing, die unsere unleserlichen „Info“texte in brauchbare Slogans übersetzt haben; diverse helfende Hände „draußen in der Uni“, die das Material verteilt und aufgehängt haben; und Herrn Meyer vom Studentenwerk, der uns einen ganzen Stapel Transparente und Poster abgenommen und in seinen Gebäuden aufgehängt hat.
    6. Zuletzt noch ein paar Korinthen:
    – Es passiert uns zwar allen immer wieder mal, dass man eine Hälfte der Uni (sei es der Nürnberger Teil, sei es der weibliche Teil) versehentlich unterschlägt. Aber in einer Pressemitteilung sollte man schon auf vollständige Bezeichnungen achten.
    – Vor allem: Es wäre schön, wenn man aus der Pressemitteilung eindeutig erkennen könnte, ob sie von der StuVe oder von der FSIen-Liste stammt. Das ist nämlich nicht das selbe.

  2. Von meiner Seite nur wenige Anmerkungen zu dieser Wahlbeteiligung. Zunächst einmal ist es natürlich traurig, dass es erneut einen Rückgang der Wähler gab. Nun ist es ja leider fast schon traditionell so, dass an Hochschulwahlen (auch an anderen Unis) eine geringe Beteiligung herrscht. In Erlangen gibt es dafür meiner Meinung nach diese Gründe:

    – Es gibt kaum Hinweise auf die Wahl. Wer nicht zufällig vor einem Pissoir ein Wahlplakat der GHG betrachtet oder im Bereich des Juridicums auf dem Gehweg von einem Flyer des RCDS belästigt wird, weiß oft gar nicht, dass eine Wahl stattfindet. Eine Erinnerung per Mail an die studentische E-Mail-Adresse gibt es zwar schon – es dürfte aber doch eigentlich auch möglich sein, am Wahltag selbst noch einmal aufzurufen. Vielleicht würde es zumindest etwas bringen.

    – Der zweite Aspekt für die besonders geringe Wahlbeteiligung an der FAU (speziell an der PhilFak) liegt in meinen Augen daran, dass wir keine Campus-Universität sind. Auch wenn es natürlich ein hohes Gut ist, wählen zu dürfen, so ist für viele beispielsweise der Weg vom Kollegienhaus zur Bismarckstraße der Aufwand nicht gerechtfertigt. Eine Lösung – auch wenn ich noch keine konkreten Pläne für eine Umsetzung habe – wäre, wenn der Student/die Studentin sein/ihr Wahllokal einfach frei auswählen könnte. Es gäbe mit Sicherheit zumindest einige spontan Entschlossene.

    Reformen sind notwendig.

  3. Ich muss dir hier leider widersprechen, Matthias.
    An der Technischen Fakultaet wurden neben den ueblichen Wahlwerbungen und Mails von Seiten der Universitaet Flyer verteilt und Banner gut sichtbar aufgehaengt. Studierende haben zusaetzlich listenunabhaengige Informationszettel (was wird gewaehlt, wie wird gewaehlt) veroeffentlicht und in der Nacht vorm Wahltag selbst den Boden mit Wahlaufrufen und Wegmakierungen zum Wahllokal versehen. Das Wahllokal selbst war im uebrigen am „roten Platz“, also direkt neben der Suedmensa und von jedem Ort an der TechFak in weniger als 5 min zu erreichen.
    Das Resultat: 12.00% Wahlbeteiligung (Vorjahr: 17.91%, 2009 sogar 24.19%).
    Natuerlich mag der Rueckgang an der TechFak speziell zum Teil auch daran liegen, da dieses Jahr KEINE Biergutscheine fuer das Sommerfest nach der Stimmabgabe verschenkt wurden. Aber Bier sollte keinesfalls eine Wahlmotivation sein. Und es kann auch keiner sagen, er haette es nicht gemerkt oder es waere ihm zu weit gewesen.

  4. Dass es keinen Hinweis auf die Wahl gab, will ich auch nicht so stehen lassen. Alle Wahlberechtigten haben einen Hinweis auf die Wahl per EMail erhalten (wenn ich mich recht erinnere zweimal). Sowohl das Wahlamt als auch die StuVe und die kandidierenden Listen haben die Uni mit Transparenten, Plakaten, Flyern usw. überschüttet. Es mag sein, dass das nicht in allen Gebäuden flächendeckend ankam, aber das ist angesichts der Anzahl unserer Gebäude irgendwann auch eine Ressourcenfrage (von der Organisation der Verteilung ganz zu schweigen). Die zentralen Bereiche inkl. Mensen waren jedenfalls gut versorgt, definitiv besser als in den Vorjahren, als es von Seiten der Uni selbst fast keine Werbung gab. Die Wahl wurde außerdem auf der Homepage der Uni, in StuOn und in MeinCampus angekündigt, und in der Lokalzeitung stand sie auch.
    Dass die Wahlbeteiligung an der TechFak gesunken ist, weil keine Gutscheine für das Sommerfest mehr verteilt wurden, ist zumindest plausibel; der Rückgang der Wahlbeteiligung war dort tatsächlich am stärksten. Wie man das inhaltlich bewertet, ist jedem selbst überlassen.

    Was die „notwendigen Reformen“ betrifft, nimmt das Wahlamt konstruktive Vorschläge gerne entgegen.
    Zum Vorschlag der freien Auswahl des Wahllokal: Das funktioniert leider nicht. Die Wahllokale sind nach festen Kriterien (Studiengänge bzw. Fakultäten) aufgeteilt, jedes Wahllokal hat das Wählerverzeichnis und die Stimmzettel (nur) für die Wahlberechtigten, die dort jeweils wahlberechtigt sind. Wenn man optional in mehreren Wahllokalen wählen könnte, müsste man in allen Wahllokalen den kompletten Satz an Unterlagen vorhalten (das wäre zwar organisatorisch sehr aufwändig, aber theoretisch machbar); man müsste die erfolgte Stimmabgabe nicht nur im örtlichen Wählerverzeichnis abhaken (wie es jetzt geschieht), sondern auch an alle anderen Lokale melden, um doppelte Stimmabgabe zu verhindern (das ist praktisch nicht durchführbar); außerdem würde das System den Grundsatz der geheimen Wahl verletzen, da nicht mehr sichergestellt wäre, dass die Anzahl der Wahlberechtigten einer bestimmten Gruppe (also z.B. „Studierende der Fakultät X“) in jedem Wahllokal hinreichend groß ist (wenn nur sehr wenige Personen in einem Wahllokal ihre Stimme abgeben, dann kann aus dem Gesamtergebnis auf das Stimmverhalten Einzelner geschlossen werden). Und dann wäre immer noch nicht gesichert, dass das Procedere auch wirklich die Wahlbeteiligung nennenswert steigert!

    PS: Nach den amtlichen Unterlagen (vgl. http://www.uni-erlangen.de/infocenter/wahlen/Wahlergebnis_gesamt_2009.pdf) betrug die Wahlbeteiligung bei den Studierenden der TechFak im Jahr 2009 nur 22%, nicht 24,19%. Die langjährige Übersicht der Wahlbeteiligungen auf der Web-Seite http://www.wahlen.uni-erlangen.de wurde übrigens zwischenzeitlich aktualisiert und visuell aufbereitet. Eine erweiterte Fassung mit den Zahlen der übrigen Wählergruppen folgt demnächst.

  5. Betrachtet man das alles objektiv, gab es sicherlich genug Werbung, aber ich behaupte, dass diese Werbung einfach nicht angekommen ist.

    In den oberen Kommentaren wurde bereits beschrieben, was alles unternommen wurde, um die Studentinnen und Studenten auf die Wahl aufmerksam zu machen. Meiner Meinung nach war das aber einfach „falsche“ oder „nutzlose“ Werbung (ohne jetzt jemand zu nahe treten zu wollen!). Ich studiere jetzt im zweiten Semester an der Wiso und wenn ich auf dem Uni-Gelände bin, fallen in meinen Blick bereits zig Plakate, die irgendein Event für das Wochenende ankündigen. Wenn ich dann im Gebäude bin, ändert sich das auch nicht: da hängen i.d.R. zwar keine Plakate von Events, dafür aber überall Aushänge der Lehrstühle oder Werbung von JCT und keine Ahnung was noch … Mittlerweile habe ich schon eine Art „peripheres Sehen“ entwickelt, denn mein Auge nimmt zwar das Poster wahr, aber nimmt keinerlei Information auf – ich könnte z.B. nicht sagen, wann die Wahlplakate zum ersten Mal hingen. Ich denke auch, dass ich hier nicht nur für mich spreche, sondern für viele andere Studentinnen und Studenten, denn auch an bzw. in den Erlanger Fakultäten bot sich mir ein ähnliches Bild, was die Fülle diverser Plakate angeht.
    Das gleiche Problem existiert auch bei den E-Mails, denn auch mein E-Mail-Postfach quillt über wegen irgendwelcher Werbung (von der Uni!) für diverse Veranstaltungen. Es gibt vermutlich keine Möglichkeit zu überprüfen, wie viele Studentinnen und Studenten überhaupt diese E-Mail mit der Wahlbenachrichtigung geöffnet haben, aber ich bin mir sicher, dass diese Zahl der Nicht-Öffnungen meine Vermutung bestätigen würde.

    Das gravierendste Problem ist meiner Meinung nach, dass überhaupt nicht klar war/ist, für was diese Wahl überhaupt gut ist. Ich kann mich nicht erinnern, je etwas im Vorfeld über die Wahl (bzw. Hochschulpolitik hier generell) gehört zu haben. Aber zu wissen warum man wählt oder wählen sollte, ist essentiell für das Funktionieren einer Wahl!

    Das ist meine Einschätzung, die sich auf Basis der Erfahrung, von jetzt fast zwei Semestern an der Uni, gebildet hat. Ich bin gespannt, ob diese Einschätzung geteilt wird oder eher nicht und ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt habe mit meinen Vermutungen.

    (Falls ein Satz komisch klingt oder irgendwo ein Wort fehlt: Sorry! Zu viel Bier und viel zu spät!)

  6. Der Einschätzung würde ich durchaus weitgehend zustimmen. Wir können seitens der Uni noch so viel Werbung machen, das meiste davon kommt einfach nicht an. Peripheres Sehen ist hier ein gutes Stichwort. Es würde auch nichts bringen, noch mehr EMails über den Verteiler zu schicken, die würden dann noch mehr ignoriert.
    Der Vorwurf, dass man nur im Vorfeld der Wahl etwas über die Hochschulgremien höre, ist so alt wie die Hochschulwahlen. Der Fakt als solcher ist sicher richtig, aber ich denke, man kann es den aktiven Studis nicht vorwerfen, dass sie im Laufe des Jahres neben Gremienarbeit nicht auch noch Zeit für Öffentlichkeitsarbeit haben. Es wäre auch nicht wirklich praktikabel, bswp. nach jeder Senatssitzung den gleichen PR-Aufwand wie bei der Wahl zu betreiben, um die Studierenden über die Ergebnisse zu informieren. Wer sich informieren will, kann das tun, wenn er weiß, wo er die Info findet. Das Problem ist schlicht, dass es an der Uni keine standardisierten Kanäle für öffentliche Debatte (sprich: Medien) gibt.
    Abschließend noch etwas Kulturpessimismus: Fragen Sie mal 100 Menschen von der Straße, die bei der letzten Bundes- oder Landtagswahl ihre Stimme abgegeben haben, ob sie wissen, was die gewählten Gremien eigentlich so machen. Ich würde da mit dem Schlimmsten rechnen. Das System von Erst- und Zweitstimme haben, wenn ich mich recht erinnere, nicht mal die Hälfte der Wähler verstanden.

  7. Ich habe mich wohl etwas missverständlich ausgedrückt. Mit Informationen im Vorfeld meinte ich eine Art Informationsveranstaltung am Anfang eines jeden Semesters, in der einfach generell einfach Hochschulpolitik an der Uni hier erklärt wird. Hauptsächlich für die Erstsemestler, denn die kommen direkt von der Schule und wissen vielleicht nicht, dass es an der Uni diese Art der Mitbestimmung gibt. Wenn die Studentinnen und Studenten wissen warum überhaupt gewählt wird, kann nämlich jede und jeder für sich selbst entscheiden, wie wichtig einem persönlich das Wählen bzw. das selbstständige Informieren über Senatssitzungen etc. ist.
    Aber wenn man noch nie etwas davon gehört hat bzw. gar nicht weiß, dass so etwas wie Hochschulpolitik hier existiert, dann hat wohl auch kaum jemand einen Anreiz sich zu informieren. Und es gibt tatsächlich nicht gerade wenige Studies, die noch nie etwas von der Stuve gehört haben…

    Ich sehe da auch eher die Uni in der Verantwortung, denn die die Uni sollte dafür sorgen, dass die Studentinnen und Studenten wissen, dass es Hochschulpolitik hier gibt und was das bedeutet (das muss ja nicht mal besonders detailliert sein). Das gehört, finde ich, einfach zur Verantwortung, wenn man die Möglichkeit zum Wählen gibt.
    Der Staat sorgt ja auch dafür, dass klar ist warum und was man wählt, indem es in den Bildungsplänen für Schulen steht.

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